Gehen, ging, gegangen von Jenny Erpenbeck

Kurz nach seiner Pension langweilt sich Richard, ein emeritierter Berliner Professor für Altphilologie. Seine Geliebte hat ihn verlassen, seine Frau lebt nicht mehr, Kinder hat er keine. Vom Hungerstreik vor dem Roten Rathaus bekommt er nichts mit, obwohl er am Nachmittag direkt daran vorbeigeht. Erst als er abends vor dem Fernseher seine Brote mit Schnittkäse und Schinken isst, wird er bei den Nachrichten auf die Demonstration der Flüchtlinge aufmerksam. Sein Interesse ist geweckt, er will verstehen, erstellt einen Fragenkatalog und macht sich die Flüchtlinge, die am Oranienplatz in Zelten leben und warten, zu seinem Projekt.

Nach ihrer Umsiedlung in eine Notunterkunft fährt er regelmäßig zu den Männern, stellt ihnen Fragen, hört ihnen zu. Viele berichten überraschend bereitwillig von ihrer persönlichen Geschichte. Eindrucksvoll, bewegend und authentisch sind die Episoden, die von den verschiedenen Leben erzählen, vom Leben in den jeweiligen Herkunftsländern bis zum ewigen Warten in Deutschland, dem Warten darauf, anerkannt zu werden, dem Warten auf Duldung, dem Warten auf die Erlaubnis, sich Arbeit zu suchen.

Fast automatisch vergleicht Richard das Gehörte mit der Literatur und Mythologie, mit der er sich sein Leben lang beschäftigt hat. Vielleicht ist es seine Art, zu verarbeiten und zu verstehen. Einordnen, mit Bekanntem vergleichen, reflektieren. Odysseus, Apoll, Iphigenie, Tristan.

Richard, der nie besonders politisch war, steckt in seinen westlichen Denkmustern fest. Aber er scheint durchaus die Fähigkeit zur Selbstreflexion zu besitzen und als er nach einem Vorfall an seine Grenzen stößt, konfrontiert ihn eine Freundin mit seinen Vorurteilen. Mit der Zeit wirkt sein Interesse auch immer weniger eigennützig und zunehmend ehrlich. Er will helfen, recherchiert die rechtliche Lage, kämpft sich durch den Bürokratiedschungel, freundet sich mit einigen der Männer an, gibt Deutschunterricht, begleitet Raschid zum Arzt und Ithemba zum Anwalt. Er ist engagiert und lernt gleichzeitig nicht nur viel über die verschiedenen Kulturen und Länder, über die Geschichte und Politik, über Krieg und Flucht, sondern auch über sich und sein Leben. Seine persönliche Entwicklung wird besonders in Szenen deutlich, in denen er sich mit seinen bildungsbürgerlichen Berliner Freunden zu Gartenpartys und Häppchen trifft. Ich glaube, gerade wegen des etwas schrulligen, wohlhabenden Protagonisten funktioniert das Buch so gut.

Besonders das folgende Zitat hat mir gefallen:

„Vieles von dem, was Richard an diesem Novembertag, einige Wochen nach seiner Emeritierung, liest, hat er beinahe sein ganzes Leben über gewusst, aber erst heute, durch den kleinen Anteil an Wissen, der ihm nun zufliegt, mischt sich wieder alles anders und neu. Wie oft muss einer das, was er weiß noch einmal lernen, wieder und wieder entdecken, wie viele Verkleidungen abreißen, bis er die Dinge wirklich versteht bis auf die Knochen?“

Ein wichtiges, aktuelles und bewegendes Thema

Jenny Erpenbeck hat sich für die Recherche mit einigen geflüchteten Männern unterhalten und das merkt man beim Lesen. Die Geschichten wirken realitätsnah und authentisch. Hochaktuell ist das Thema nach wie vor. Bei Druckfrisch unterhält sich die Autorin mit Denis Scheck über ihre Recherche zu Gehen, ging, gegangen.

Wichtiges Thema und großartiger Schreibstil

Das Buch hat mich sehr bewegt, mir eine Menge Stoff zum Nachdenken geliefert und auch bei mir den ein oder anderen Selbstreflexionsprozess angestoßen. Seit knapp 1,5 Jahren bin ich ehrenamtliche Lesepatin für Kinder aus geflüchteten Familien und wie immer, wenn verschiedene Kulturkreise aufeinandertreffen, schadet es nicht, über sich und seine Sichtweise nachzudenken.

Was den Schreibstil betrifft, möchte ich es kurz machen: Für mich ist Gehen, ging, gegangen sprachlich ein Genuss. Ich wollte gar nicht, dass das Buch endet. Jenny Erpenbeck kann wahnsinnig gut erzählen und besitzt eine besondere, literarische Individualität, die einfach Spaß macht. Ihr Stil hat mir schon beim vorherigen Werk, also Aller Tage Abend, gut gefallen. Die anderen fünf ihrer Bücher habe ich noch nicht gelesen, werde das aber nachholen, weil ich von ihrem Stil gar nicht genug bekommen kann.

Nominierungen

Jenny Erpenbecks Roman ist in der Übersetzung von Susan Bernofsky (Go, Went, Gone) für den Man Booker International Prize nominiert. 2015 stand Gehen, ging, gegangen auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis.

Weitere Informationen gibt es auf der Seite des Verlags.

Bibliographische Angaben

Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen. Erschienen 2015 im Knaus Verlag. ISBN: 978-3-8135-0370-8. 256 Seiten. Preis [D] 19,99 Euro.

 

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