Rattatatam, mein Herz. Vom Leben mit der Angst.

Rattatatam, da hat Franziska Seyboldt aber ein wichtiges Buch geschrieben. Wichtig deshalb, weil ich hoffe, dass ihr Mut anderen Betroffenen den Weg ebnet, ebenfalls offener mit ihrer Angst umzugehen.

Obwohl in Deutschland etwa einer von sieben Menschen an und unter Panikattacken, Sozialphobie, generalisierter oder einer anderen Form von Angststörung leidet, sind Angsterkrankungen immer noch sehr stigmatisiert. Man spricht fast nie darüber und tut man es doch, merkt man oft, dass viel Unwissen, viele falsche Annahmen über die Erkrankung und viele Vorurteile verbreitet sind. Mehr oder weniger nett gemeinte Kommentare wie „Reiß dich einfach zusammen, das geht schon vorbei!“ oder ein gern mit einem aufmunterndem Schulterklopfen begleiteten „Ein bisschen aufgeregt ist doch jeder vor einem Interview, Bewerbungsgespräch, Referat, [beliebige andere Situation einfügen]!“ oder wahlweise auch „Da gewöhnt man sich dran!“ sind nicht nur alles andere als hilfreich, sie können dem Betroffenen auch das Gefühl vermitteln, selbst an der Angststörung schuld zu sein. Denn würde man sich „zusammenreißen“, wäre da keine Krankheit. Klar. Schön wär’s.

Dass es eben leider nicht so leicht ist, beschreibt Franziska Seyboldt in ihrem neuen Buch Rattatatam, mein Herz auf berührende, bewegende und poetische Weise. Die Erzählerin lässt uns an ganz persönlichen Erfahrungen teilhaben. In mal kurzen, mal langen Kapiteln beschreibt sie Episoden aus ihrer Kindheit, ihrem Studium, der Gegenwart, angstbesetzte Situationen, die Reaktionen ihres Umfelds, ihre Symptome, ihre eigenen Versuche, an der Angst zu arbeiten und mit ihr zu leben, ihre Erfahrungen mit der kognitiven Verhaltenstherapie und der tiefenpsychologisch fundierten Therapie.

Ein wunderbarer, poetischer Schreibstil

Ja, es sind persönliche Erfahrungen. Nein, es ist keine trockene, berichtartige Aneinanderreihung von Erlebnissen. Die Besonderheit von Rattatatam, mein Herz ist der durchweg literarische Umgang mit dem Thema. Die Metaphern, Vergleiche und nicht zuletzt die Angst, die nach Lust und Laune als eine Art unliebsame Mitbewohnerin personifiziert auftaucht, veranschaulichen nicht nur die Gefühle der Erzählerin und erleichtern dem Leser das Verständnis, sie bringen auch die Situationen und die dabei empfundenen Emotionen und die Gedanken perfekt auf den Punkt. Ich habe mit dem Textmarker in der Hand gelesen, damit ich keine der wunderbaren Formulierungen verliere. Das Buch ist eine wahre Zitatefundgrube.

Der Heilungsprozess

Auf ihrem Weg zur Heilung, was nicht einen symptomfreien Zustand beschreibt, der erreicht wird, wenn man X, Y und Z tut, sondern vielmehr den Lernprozess, wie man mit der Angst und vor allem mit sich selbst umgehen kann, macht sie die Erfahrung, dass der erstbeste Therapeut, vielleicht der erste, aber nicht unbedingt der beste ist. Ich finde es sehr wichtig, dass sie anspricht, wie essenziell eine vertrauensvolle Beziehung zum Therapeuten ist, und ich finde es toll und mutig, dass sie nach dem ersten missglückten Therapieversuch nicht abgeschreckt ist, sondern es noch einmal wagt. Natürlich sollten Sympathie, Verständnis und Vertrauen stimmen, wenn man sich einem fremden Menschen so weit öffnen möchte, dass man gemeinsam an den eigenen Problemen arbeiten kann. Interessant ist auch, dass sie sich mit verschiedenen Therapieformen – Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundiert und Psychoanalyse – auseinandersetzt und ausprobiert, welcher Ansatz der richtige für sie ist.

Am liebsten möchte ich das Buch jedem empfehlen, ob betroffen oder nicht.

Für mich ist Franziska Seyboldt eine mutige, intelligente und selbstreflektive Autorin mit einem wunderbar genauen und gleichzeitig poetischen Schreibstil.

Ich wünsche diesem Buch, der Autorin und allen Betroffenen, dass Rattatatam, mein Herz Wellen schlägt, die nicht schnell wieder abebben, sondern für einen nachhaltigen Diskurs sorgen, der Angststörungen aus der Stigma-Ecke holt und dahin bringt, wo sie statistisch gesehen ohnehin längst sind: in unserer Mitte und überall um uns. Einer von sechs Menschen ist betroffen – da kennt eigentlich jeder jemanden, der mit einer Angststörung lebt, und wenn das Buch auch nur ein kleines bisschen hilft, Vorurteile abzubauen, zu informieren oder für ein wenig Verständnis zu sorgen, dann ist das sehr viel wert.

Eine Leseprobe gibt es auf der Website des Verlags Kiepenheuer & Witsch.

Über die Autorin

Franziska Seyboldt ist 1984 in Baden-Württemberg geboren und lebt in Berlin. Sie ist Autorin und Redakteurin bei der taz, wo sie in ihrer Kolumne „Psycho“ über psychische Erkrankungen schreibt. Rattatatam, mein Herz ist ihr drittes Buch.

Bibliographische Angaben

Franziska Seyboldt: Rattatatam, mein Herz. Vom Leben mit der Angst. Erschienen 2017 im Verlag Kiepenheuer & Witsch. ISBN: 978-3-462-05047-9. 256 Seiten. Preis [D] 16,99 Euro.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s