Blaubarts Zimmer von Angela Carter

Es war ein Jugendbuch, in dem ich erstmals von Angela Carters Märchensammlung The Bloody Chamber las. Neugierig machte mich, dass Blaubarts Zimmer, wie die deutsche Übersetzung von Sybil Gräfin Schönfeldt heißt, mit dem klassischen Frauenbild in Märchen bricht, bei dem das arme hübsche Fräulein in irgendeiner Art Opferrolle steckt und gerettet, erlöst und mit einem Prinzen verheiratet werden muss. Oft sind die Frauen selbst die Protagonistinnen und oft nehmen sie ihre Erlösung selbst in die Hand. Egal, wie sie in die Lage geraten sind, in der sie sich befinden. Irgendwie hat sich dazu der erste Satz aus Die Braut des Tigers bei mir eingebrannt:

„Mein Vater verlor mich beim Kartenspiel an das Tier.“

 

Märchen für Erwachsene?

Es geht um Mord, Gewalt, (erwachende) Sexualität und auch um Feminismus. Der Untertitel von Blaubarts Zimmer lautet Märchen für Erwachsene und angesichts der unheimlich-bedrückenden Stimmung und der Themen empfinde ich das als naheliegend. Die Autorin selbst soll allerdings anderer Meinung gewesen sein. Sie habe nicht versucht, Märchen für Erwachsene zu schreiben, sondern lediglich herausgearbeitet, was ohnehin schon immer in den Märchen schlummerte. Das steht zumindest auf der englischen Wikipedia-Seite zu The Bloody Chamber. Um ein besseres Gefühl dafür zu bekommen, habe ich neulich Abend einige von Grimms Kinder- und Hausmärchen quergelesen und nun glaube ich ein bisschen zu verstehen, wie Carter auf einige ihrer Assoziationen kam.

Cunningham und Carter

Ich habe die Märchenbücher von Michael Cunningham und Angela Carter parallel gelesen und konnte nicht umhin, auf die Gemeinsamkeiten zu achten. Je mehr ich gelesen habe, umso sicherer war ich mir, dass Cunningham mit Carters Geschichten vertraut ist. Mittlerweile habe ich ein Interview mit dem Autor gefunden, das diese Beobachtung bestätigt. Aber auch ohne das Interview fand ich es recht offensichtlich. Beide Bücher sind moderne, teilweise düstere, teilweise beklemmende Märchenbearbeitungen. Beide holen die Geschichten in eine neuere Zeit, wobei mir bei Carter meist nicht ganz klar war, in welche genau. Ich vermute aber, dass bewusst mit der zeitlichen Einordnung gespielt wird. Vielleicht soll es ja irritieren, wenn nach ausführlichen Beschreibungen alter, dunkler, kalter Burgen auf einmal ein Taxi gerufen oder ein Anruf getätigt wird. Vielleicht soll man ja aufhorchen und dem Reflexionsprozess freien Lauf lassen, sobald man merkt: „Huch, das spielt offensichtlich gar nicht vor so langer, langer Zeit, wie ich dachte.“ Wie auch immer, eine Geschichte ist dabei, die zeitlich kaum Raum für Interpretationen lässt – darin geht es um einen Soldaten im Ersten Weltkrieg. Zurück zum Vergleich: Sowohl Carter als auch Cunningham experimentieren mit der Erzählweise. In meiner Rezension zu Der wilde Schwan habe ich bereits geschrieben, dass mir die Geschichten in der zweiten Person Singular besonders gut gefallen. Das gilt auch für Carter. Trotz all der Ähnlichkeiten haben die Bücher inhaltlich aber einen anderen Fokus und auch der Stil von Carter ist ein völlig anderer als der von Cunningham.

Unheimliche Grundstimmung

Begeistert hat mich der bildhafte, geradezu poetische Schreibstil, durch den es gelingt, eine unterschwellige Grausamkeit zu schaffen, die mich durch das ganze Buch begleitet hat. Es hat mich beim Lesen tatsächlich immer wieder gegruselt und gleichzeitig fasziniert, wie virtuos Angela Carter, und in der deutschen Übersetzung natürlich auch Sybil Gräfin Schönfeldt, Atmosphäre entstehen lassen können. Und was nicht explizit genannt wird, füllt fleißig die eigene Vorstellungskraft.

Folgende Märchen sind in Angela Carters Märchensammlung enthalten:

Blaubarts Zimmer
Mister Lyons Werbung
Die Braut des Tigers
Gestiefelter Kater
Der Erlkönig
Das Schneekind
Die Dame aus dem Haus der Liebe
Der Werwolf
Die Gesellschaft der Wölfe
Wolfs-Alice

Über die Autorin

Die britische Autorin Angela Carter wurde 1940 geboren, studierte Englische Literatur und arbeitete zunächst als Journalistin. Sie übersetzte Märchen von Charles Perrault und schrieb Romane, Kurzgeschichten, Gedichte, Dramen, Kinderbücher und Sachbücher. Mit The Bloody Chamber gewann sie 1979 den Cheltenham Prize for Literature. Sie starb 1992 in London.

Angela Carter Blaubarts Zimmer

 

Bibliographische Angaben

Angela Carter: Blaubarts Zimmer. Aus dem Englischen von Sybil Gräfin Schönfeldt. Erschienen 1982 im Rowohlt Taschenbuch Verlag. ISBN: 978-3-499-15502-8. 203 Seiten.

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