Der wilde Schwan von Michael Cunningham

 

„Eine hinreißende und bezaubernde Lektüre“ verspricht der Klappentext mit einem Zitat der britischen Online-Zeitung The Independent und ich möchte ganz entschieden widersprechen. Auch wenn hier bekannte Märchen neu erzählt werden, sind die Geschichten alles andere als hinreißend, bezaubernd, entzückend, liebreizend, niedlich – und genau das macht jede einzelne davon lesenswert.

Alte Geschichten neu interpretiert

Zufällig liegt gerade auch Angela Carters Blaubarts Zimmer auf meinem Nachttisch und in vielerlei Hinsicht erinnerten mich Cunninghams Märchen an Carters Interpretationen. Beide holen die alten Geschichten in die jeweilige Gegenwart oder wenigstens in eine modernere Zeit, ergänzen oder spinnen sie weiter und arbeiten die sexuellen und bedrückenden Aspekte heraus. Einer der größten Unterschiede liegt für mich darin, dass bei Carter das Zusammenspiel aus phantastischen Elementen und expliziter Gewalt den Horror ausmacht, während ich bei Cunningham den Schrecken im alltäglichen Scheitern sehe: die verlorene Jugend, die unglückliche Ehe, die verspielten Chancen; Wünsche und Entscheidungen, die man rückblickend bereut; manchmal hat man auch einfach Pech – und irgendwann ist es zu spät, man findet sich ab oder eben nicht.

Übers Scheitern

Was passiert eigentlich mit all den Prinzessinnen und Prinzen, nachdem man Grimms und Andersens Märchenbücher zugeklappt hat? Da ist der zwölfte Königssohn, dem es wegen seines Schwanenarms nie gelungen ist, beruflich Fuß zu fassen, und der nun Abend für Abend in Kneipen herumlungert. Da ist die alte Frau, die ihrem jugendlichen Sexappeal hinterhertrauert, und die junge Frau, die versucht, sich mit dem Fetisch ihres Mannes abzufinden. Ehepaare, die mal mehr, mal weniger erfolgreich Bewältigungsstrategien für ihr jeweils persönliches Schicksal suchen. Treffend finde ich eine Formulierung, die der Autor Michael Cunningham – bzw. seine deutsche Stimme Eva Bonné – im Vorwort wählt:

„Die meisten von uns führen ihr Verderben recht zuverlässig selbst herbei.“

Dazu möchte ich die Rumpelstilzchen-Geschichte erwähnen, die mir übrigens am besten gefallen hat. In der zweiten Person Singular – eine Erzählweise, der sich auch Angela Carter mitunter bedient – lädt sie zu einem Gedankenexperiment ein, einer Art Rechtfertigung für Rumpelstilzchens Beweggründe und Verhalten. Man kann verstehen, wie der kleine Mann sich zu seiner Forderung hinreißen lässt, und dennoch will man schreien: Nein, nein, nein, das geht schief, tu das nicht, das wird nichts, das geht nach hinten los.

Und wenn sie nicht gestorben sind …

Nein, die Königstöchter und -söhne in diesem Buch leben nicht glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Sie blicken auf ihr Leben zurück, bereuen oder vermissen etwas, und das macht sie menschlich. Michael Cunningham hat mit „Der wilde Schwan“ moderne, ehrliche, aber vor allem unterhaltsame Interpretationen alter Märchen geschrieben, die sowohl inhaltlich als auch erzählerisch immer wieder aufs Neue überraschen. Aus dem Amerikanischen übersetzt wurde das Buch von Eva Bonné und die stimmungsvollen Illustrationen stammen aus der Feder von Yuko Shimizu.

Über den Autor

Michael Cunningham war mir als der Autor von The Hours bekannt, der gleichnamigen Romanvorlage des Virgina-Woolf-Films mit Julianne Moore, Meryl Streep und Nicole Kidman. Letztere erhielt für ihre Darstellung der Autorin Virgina Woolf einen Oscar. Ich muss zugeben, bisher habe ich das Buch nicht gelesen, aber es kommt auf meine mentale Wunschliste. Der Film hat mir gefallen, Ein wilder Schwan noch mehr – und das sind doch zwei gute Gründe, auch The Hours zu lesen.

Bibliographische Angaben

Michael Cunningham: Der wilde Schwan. Aus dem Amerikanischen von Eva Bonné. Mit Illustrationen von Yuko Shimizu. Erschienen am 13.11.2017 im Luchterhand Verlag. ISBN: 978-3-630-87491-3. 155 Seiten. Preis 19,00 Euro [D], 19,60 Euro [A].

Mehr dazu

Weitere Informationen gibt es auf der Website des Verlags.

Und auch Verena hat das Buch auf ihrem Lieblingsleseplatz rezensiert.

 

2 Kommentare zu „Der wilde Schwan von Michael Cunningham

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